Sonntag, 6. August 2017

Protest und Gewalt und ihre Verhältnismäßigkeit



Der G20-Gipfel in Hamburg 2017 ist seit einem Monat vorüber. Trotzdem geistert er immer noch durch die Medien. Eins ist klar, der Gipfel brachte keinen Segen, sondern nur viel Zerstörung. Doch lässt sich diese Zerstörungswut bei der weltweiten Ungerechtigkeit rechtfertigen? Nein! Und was brachten die friedlichen Proteste? Nichts! Doch warum? Und waren die friedlichen Proteste und die zerstörerische Gewalt wirklich links?


Um gegen die in den Himmel schreiende Ungerechtigkeit in der Welt zu kämpfen entschlossen sich zahlreiche Menschen zu friedlichen Demonstrationen. Diese waren sicherlich gut organisiert und toll inszeniert. Doch weder die friedlichen Proteste, noch die Gewaltausschreitungen waren links.

Links bedeutet die Hinwendung der Gesellschaft zum Individuum durch gemeinschaftliche Anstrengungen, um jeden einzelnen Menschen in seinen Grundbedürfnissen und darüber hinaus gerecht zu werden. Doch darauf wirkten weder die sanftmütigen Yoga-Gruppenmeditationen noch das Global Citizen Festival hin. Schließlich standen diese Aktionen für jeden offen, was erst einmal begrüßenswert ist. Doch an dem Konzert von Coldplay hätten sowohl die vermeintlich linke Aktivistin Jutta Ditfurth als auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und G20-Befürworter Wolfgang Bosbach teilnehmen können. Ein tolles Konzert für lau? Darüber lachen doch die Potentaten dieser Welt. Zu hoffen bleibt nur, dass nur die Künstler auf ihre Gage verzichtet haben und nicht der Packer auf seinen Lohn verzichten musste. Und wofür steht überhaupt Yoga außer der inneren Ausgeglichenheit? Insofern ist ein lockeres Sammelsurium aus Yoga, Rock-Musik, Veganismus, Feminismus, Naturschutz und dergleichen noch längst nicht links.

Und genauso wenig links wie die beschriebenen Proteste waren die Gewaltexzesse. Weder Sozialismus, noch Kommunismus, noch Anarchismus bejahen die Zerstörung von Privateigentümern unbescholtener Mitmenschen. Schließlich trägt der einfache Mensch, der jeden Tag für sein Überleben kämpft, keine Schuld an den Missständen in dieser Welt. Insofern gibt es keine Entschuldigung für brennendes Privateigentum. Und so lassen sich die martialen Protestierer nur mit Hooligans gleichsetzen.

Und auch wenn der Kommunismus oder andere Ideologien die unverzügliche Begleichung der materiellen Verluste verspräche, lassen sich Zerstörungen von sentimental behafteten Gütern nicht begleichen. Insofern war die Zerstörungswut der vermeintlichen Protestler in Hamburg nur Wasser auf die Mühlen aller rechten, bürgerlichen und konservativen Politiker, die seit jeher behaupten, dass der Staat auf seinem linken Auge blind sei. Dabei ist die Staatsgewalt keineswegs auf dem linken Auge blind, sondern vielmehr auf dem rechten. Das belegen die Hausdurchsuchungen der Linken-Büros vom 19. Februar 2011 in Dresden sowie die frühere Überwachung Bodo Ramelows durch den Verfassungsschutz. Dagegen steht das Versagen der Staatsgewalt bei den Verbrechen der rechtsextremen NSU-Terrorgruppe.

Diese Ungerechtigkeit im Vorgehen der Staatsgewalt lässt sich durch die verschiedenen Weltanschauungen der tatsächlichen Linken und der Rechten begründen. Während die Linke das bundesrepublikanische System mehrheitlich gänzlich infrage stellt, stehen die Nazis dem System nicht vollständig feindlich gegenüber.

Doch wie lassen sich effektvolle Proteste umsetzen und bewerkstelligen? Dazu muss man feststellen, dass die Mehrheit der friedlichen Demonstranten und der Steine werfenden Hooligans kein Systemwechsel wünscht. Sie wollen lediglich kleine Schönheitskorrekturen am System. Und zwar einen Kapitalismus mit menschlicherem Antlitz. Das wäre zwar ein kleiner, aber zumindest wunderbarer Fortschritt.
In der Geschichte der Massenbewegung zeigten sich Proteste als erfolgreich, die seitens der Protestierer friedlich und auf Seiten der Obrigkeit gewalttätig waren. Dabei provozierten die friedlichen Demonstranten die Machthaber zur Gewalt, was den Demonstranten Sympathien bescherte. Die Arbeiterbewegung in Europa ist dafür ein guter Beweis. Durch Streiks legten die Arbeiter ihre Arbeit nieder. Dadurch sah sich der Industrielle ungerechtfertigterweise veranlasst, mithilfe von Streikbrechern und martialer Gewalt gegen die streikende Arbeiterschaft vorzugehen. Auch bei Indiens Unabhängigkeitsbewegung war das der Fall. Beispiele hierfür finden sich im Jahr 1946, als bei friedlichen Protesten der indischen Unabhängigkeitsbewegung mehrere Tausend Inder getötet wurden. Seit Indiens Unabhängigkeit sind sogenannte Sit-ins ein probates Mittel, um gegen die Obrigkeit aufzubegehren. Und das erkannte ab Mitte der 1950 die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA und folgte dem indischen Beispiel. Und so weigerten sich die schwarzen US-Bürger ab 1955, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Beim Bloody Sunday 1965 wurden dann zahlreiche schwarze Aktivisten bei einem friedfertigen Marsch von der Staatsgewalt blutrünstig niedergeprügelt.

Man muss also bei Protest die Verhältnisse umkehren, um erfolgreich zu sein. Weder der Sturm auf die Bastille 1789, noch die Erstürmung des Winterpalais 1917 widerlegen das. Schließlich erfolgten diese Eroberungen ohne vergleichsweise großes Blutvergießen. Die Bastille und der Winterpalais wurden nämlich erst nachträglich zu symbolträchtigen Orten hochstilisiert.

Insofern sind bessere und effektivere Proteste beim nächsten Gipfel wünschenswert. Wie wäre es also anstelle eines Verzichts auf öffentliche Verkehrsmittel mit einer extensiven, im Vorfeld langfristig angelegten Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln mit einer Zirkulation beim Ein- und Ausstieg? Das bescherte den Verkehrsbetrieben zwar Gelder, obwohl sicherlich eh jeder Demonstrant im Vorfeld ein Tagesticket gekauft hat. Diese Aktion würde aber das Verkehrssystem zum Erliegen bringen. Dadurch wären dann die normalen Kunden zum Umstieg auf das Fahrrad, das Auto oder anderes gezwungen. Außerdem nähmen die Normalkunden horrende Verspätungen in Kauf. Diese Aktion führte sowohl zu einer Verstopfung der Straßen, als auch zu einer Beeinträchtigung des Wirtschaftslebens am jeweiligen Tagungsort. Und wenn man dann noch die Staatsgewalt zu einem ungerechtfertigten und unverhältnismäßigen Vorgehen brächte, wäre der Protest gewonnen.

Über die Kunden von Lifeplus



Seit fast genau zwei Jahren finden sich ein paar Beiträge zu Lifeplus in diesem Blog. An diesen Artikeln scheiden sich die Geister. Das ist in unserer pluralistischen Gesellschaft auch vollkommen in Ordnung. Und deshalb wurden niemals Kommentare der bis in die Haarspitze überzeugten Kunden oder ihrer Gegenredner abgeändert oder gelöscht.

Auffällig ist aber die tiefverwurzelte und unbeirrbare Überzeugung der Kunden, obwohl die unabhängigen Verbraucherzentralensowohl vor dem Vertriebssystem als auch vor dem zweifelhaften Nutzen dieserProdukte warnen. Für die Kunden ist Lifeplus unbestritten ein nützliches, unverzichtbares Produkt. Und das propagieren sie auch gern, ohne stichhaltige Argumente zu bringen. Ihre Überzeugungen speisen sich oftmals aus ihrem Glauben. Um ihre Gegenredner jedoch zu überzeugen oder mundtot zu machen, werden die Kunden auch oftmals gern ausfallend.

Und deshalb zwei Gedankenspiele für die Kunden von Lifeplus:

1. Die Menschwerdung des Affen erfolgte vor ungefähr 160.000 Jahren. Seither folgte eine Evolution nach der anderen, so dass der Mensch zum vorherrschenden Lebewesen des Planeten Erde wurde. Seit 160.000 Jahren waren also Evolutionen ohne Lifeplus möglich. Seit 1992 gibt es nun Lifeplus. Früher nicht. Wie lässt sich also die enorme Evolution des Homo sapiens seit Jahrtausenden ohne Lifeplus erklären, zumal die kulinarischen und hygienischen Standards damals gerade zu miserabel waren? Außerdem war der spätere gesellschaftliche, wissenschaftliche, technische und kulturelle Fortschritt auch ohne Lifeplus möglich. Die Entdeckung Amerikas 1492, die Reformation im Jahr 1517, die Erfindung der Dampfmaschine 1769 und so weiter. Wie schafften es Luther, Kolumbus und Watt bloß ihre herausragenden Leistungen ohne Lifeplus?

2. Wenn Lifeplus so wertvoll und nützlich ist, warum zählen dann die Kunden nicht zur geistigen oder sportlichen Elite? Warum gehen ehemalige Kunden von Lifeplus nicht jämmerlich zu Grunde, nachdem sie den Konsum von Lifeplus-Produkten abgesetzt haben. Die Waren von Lifeplus halten also nicht, was sie versprechen.

Diese beiden Gedankenspiele lassen sich nicht mit der Frage beantworten, dass es eine gigantische Verschwörung gegen Lifeplus gäbe. Schließlich gibt es trotz dieser vermeintlichen Verschwörung unbeirrte Kunden, die trotz ihres Konsums von Lifeplus-Produkten nicht zu dieser geistigen und sportlichen Elite herangewachsen sind.

Dienstag, 1. Dezember 2015

Sprache als Gefühl



Der deutsche Sprachgebrauch in der Gesellschaft ist sehr oft erschreckend schlecht. Sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Gebrauch. So verwenden viele Menschen eine falsche Steigerungsform des Wortes „einzig“. Genauso wird dem Wort „eben“ fälschlicherweise gern ein D angehängt oder dem Wort „gern“ ein E. Mit der Kommasetzung braucht man gar nicht erst anfangen.

Und bei den allabendlichen Worte der Tagesschausprecher „Und nun der Wetterbericht für morgen, Dienstag, den 31. November 2015.“ kommen nur wenige Leute ins Grübeln. Einigen fällt vielleicht der Fehler auf, dass es keinen 31. November gibt. Jedoch ist den Zuschauern dieser tagtägliche Spruch derartig ins Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr reflektiert zuhören und ständig das Datum im Akkusativ verwenden. Schließlich macht das die Tagesschau ja auch so. Und was die Tagesschau macht, kann nicht falsch sein, so viele Zuschauer. Folglich muss das Datum immer im Akkusativ stehen. Der Glaube an die wenig fehlerbehaftete Tagesschau ist lobenswert, jedoch sind der blinde Glaube und die blinde Übernahme nicht angebracht.

Doch wie wäre es, wenn die Sprecher einmal vorlesen würden: „Es folgt der Wettervoraussage zum morgigen Dienstag, dem 01. Dezember 2015.“ Ja, der Akkusativ ist dem Dativ sein Tod, um einen populären Ausspruch abgeändert zu verwenden.

Dass Präpositionen wie „mithilfe“, „aufgrund“ oder „wegen“ den Genetiv verlangen, ist längst vergessen. Mittlerweile verschwindet gerade der Dativ. Im Vergleich zur englischen oder französischen Sprache ist das vielleicht eine normale Entwicklung. Doch kaum einer weiß, dass Präpositionen wie „mit“, „nach“, „an“, „bei“, „seit“, „von“, „zu“ und „aus“ den Dativ erfordern. Und wenn vor einem Datum dann eine solche Präposition steht, muss ein Dativ dort stehen. Nicht dass Individuum legt die Regeln der Sprache fest, sondern die Mehrheit. Also heißt es richtigerweise: „Am Sonntag, dem dritten Advent, dem 13. Dezember 2015.“

Aber genauso gibt es Präpositionen, die den Akkusativ erfordern. Diese lauten folgendermaßen „durch“, „für“, „ohne“, „um“, „bis“ und „gegen“.

Und wenn gar keine Präposition vor einem Datum steht, so steht die Tagesanzeige im Nominativ. Etwa: „Hamburg, der 01. Dezember 2015“.

Als Eselsbrücke könnte man sich merken: Bilde einen Satz aus den Gliedern „Karl der Große“, „erschießen“ und „das Reh“. In der Logik der Leute mit falschem Sprachgebrauch hieße der Satz: „Karl den Großen erschießt das Reh.“ Dabei können Rehe nicht einmal zielgerichtet schießen. Denn dazu fehlen ihnen Hände und besonders die Daumen.

Doch nicht nur mancher Sprachgebrauch ist oftmals falsch. Auch viele Worte werden falsch gebraucht, weil den Sprechern neben orthographischen und grammatikalischen Kenntnissen weitere grundlegende Bildung fehlt. Und so möchte ich simplicistisch und so minimalistisch wie möglich in meinem positivistischen Weltbild sagen, dass die Welt weniger Materialismus von determinierten Kapitalisten und dafür mehr Idealismus braucht.

Dazu ein paar Erklärungen:

1. Es gibt kein Wort wie „simplicistisch“ in der deutschen Sprache. Der Simplicissismus war eine satirische Wochenzeitschrift von 1896 bis 1944.

2. Das Wort „minimalistisch“ beinhaltet auch nicht „geringfügig“ oder „kleinstmöglich“. Der Minimalismus war eine Strömung in den bildenden Künsten der 1960ern.

3. Der Positivismus hat nichts mit guten Absichten oder mit Gutmenschen zu tun. Der Positivismus ist eine historisch längst überholte Strömung in der Philosophie des 19. Jahrhunderts. Laut Positivismus hat jede Erscheinung seine visuellen Ursachen. Demnach ließen sich Verbrecher anhand ihrer Physiognomie als Verbrecher erkennen. Jedoch sollte jedem modernen Menschen klar sein, dass man Menschen nicht aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds abstempelt.

4. Genauso hat der Materialismus nichts mit Raffgier zu tun. Der Materialismus ist ebenfalls eine philosophische Position. Der Materialismus beinhaltet Fragen nach Vorgängen unter Berücksichtigung von kausalen Zusammenhängen. Demnach gibt es immer irdische Zusammenhänge. Der Mensch ist folglich durch das Sein bestimmt.

5. Dagegen vertritt der Idealismus einen vollkommen anderen Ansatz. Im Gegensatz zum Materialismus ist der Mensch nach idealistischem Gesichtspunkt Objekt und durch sein gottgegebenes Bewusstsein bestimmt. Insofern hat der Idealismus nichts mit einem positiven Menschenbild zu tun.

6. Und wie Materialismus und Idealismus ist der Determinismus auch eine philosophische Richtung. Der Determinismus setzt alle Ereignisse als vorbestimmt voraus und hat nichts mit Beschränktheit zu tun. Dass nach Donnerstag, dem 31. Dezember 2015, Freitag, der 01. Januar 2016, folgt, ist sicherlich keine gewagte These. Aber kann man sich dessen jemals gewiss sein?

Wenn man also einfach und nicht simplicistisch sprechen will, dann sollte man nicht vermeintliche Lehnwörter verwenden. Das soll nicht minimalistisch sein, sondern vielmehr ohne Großspurigkeit vermeintlicher Bildung. Das hat nichts mit Negativismus zu tun, weil es diesen genauso wenig wie die landläufige Definition vom Positivismus gibt. Das alles ist nicht unbedingt eine Frage von Materialismus oder Idealismus, trotzdem bewirkt dieser Beitrag hoffentlich vielleicht etwas. Das hätte dann durchaus materialistische Folgen. Und wenn dieser Beitrag nichts bewirkt, dann sind zwar viele Menschen nicht determiniert, doch zumindest beschränkt. Dann hilft nur noch Gottvertrauen der Idealisten.

Diese Beispiele des falschen Sprachgebrauchs verdeutlichen offensichtliche Bildungsdefizite. Das Leitmotiv an deutschen Schulen, in denen Sprachkompetenzen vermitteln werden sollte, lautet: „Sprich, wie Du Dich fühlst!“ Als ob Sprache ein Gefühl sein könnte!? Sprache ist ein Instrument zum Ausdruck von Gefühlen.

Und auch der Verweis auf den ständig andauernden Sprachwandel ist nicht unbedingt angebracht. Sicherlich ist es normal, dass die Fälle Genitiv und Dativ aussterben und irgendwann nur der Nominativ und Akkusativ bestehen bleiben, oder dass starke Verben den weichen weichen müssen. Jedoch macht die Steigerung mancher Adverbien trotz Sprachwandels keinen Sinn. Können „tot“ oder „einzig“ gesteigert werden? Dieses Beispiel entkräftet das saloppe Argument des Sprachwandels.

Selbst Akademiker sind vor den genannten Fehlern nicht gefeit. Viele steigern die Einzigartigkeit, indem sie das Wort „einzigstes“ fälschlicherweise gebrauchen. Und genauso verwenden viele Akademiker die Worte wie Materialismus, Idealismus, Positivismus und Minimalismus falsch. Das zeugt vom geringen Bildungsniveau vieler Studiengänge. Beinhalteten früher Hochschulbildungen noch umfassende Kenntnisse und Bildung, sind diese nicht mehr zwingend erforderlich. Wieso auch? Wozu braucht ein Mediziner auch philosophische Kenntnisse? Schließlich soll er ja lediglich das Leiden lindern und nicht mit dem Patienten ein philosophisches Duett eröffnen.

Dennoch ist ab und an ein Blick in ein Wörterbuch wie dem Duden, der übrigens auch online abrufbar ist, oder in ein Lexikon angebracht. Manche Passagen im Duden sind sogar so gut, dass man davon einfach nicht loskommt und diese immer wieder erneut lesen muss. Damit ist der Duden eine weitaus bessere Lektüre als viele andere Klassiker.
Sprich also, wie Du Dich fühlst?! Aber bitte richtig!

Die protestantische Ethik und der kapitalistische Geist (Max Weber)



Seit etwas mehr als 110 Jahren ist die Max Webers Abhandlung „Die protestantische Ethik und der kapitalistische Geist“ ein Klassiker. Es ist ein viel beachtetes und viel diskutiertes Werk. Dabei war der Soziologe nicht der Erste, der eine Kausalität zwischen protestantisch-asketischer sowie methodischer Grundhaltung und kapitalistischer Entwicklung erkannte, so der Soziologe Dirk Kaesler. Selbst wenn man die zahlreichen Werke von Karl Marx und Friedrich Engels irgendwie zusammenklamüsert, sticht ein Zusammenhang zwischen der kapitalistischen und protestantischen Entwicklung hervor. Insofern hat Kaesler recht, dass Webers Aufsatz nicht als Gegenentwurf zu den Thesen von Marx und Engels gewertet werden könne. Im Grunde genommen widersprechen sich die drei nicht einmal sonderlich. Lediglich eine Präzision nahm Weber vor, indem er zwischen „ökonomisch relevanten“ und „ökonomisch bedingten“ Erscheinungen unterscheidet. Doch letztendlich bediente sich Weber des Marxismus, weil er den Begriff des Kapitalismus verwendet. Marx und Engels waren nämlich die Ersten im deutschen Sprachraum, die im wissenschaftlichen Zusammenhang die Worte „kapitalistische Produktionsweise“, „Kapital“ und „Kapitalismus“ verwandt haben. Genauso erkannte Weber die These von Marx an, wonach Geld kein Kapital ist und es zur Vermehrung investiert werden muss. Und so gibt es viele, viele Parallelen zwischen Weber auf der einen Seite und Marx sowie Engels auf der anderen Seite.
 
Trotzdem gibt es Knackpunkte in Webers Theorie. So schreibt er, dass die protestantische Askese und Methodik den Kapitalismus bedingten. Sicherlich, der Kapitalismus konnte unter den gegebenen Umständen seinen Ausgang nur in den protestantischen Ländern Europas nehmen. Schließlich sorgte der Protestantismus für eine gewisse Befreiung des Menschen. Doch in Bezug auf die Entwicklung des Kapitalismus zeigen sich Ungenauigkeiten gegenüber den calvinistischen Niederlanden, dem lutherischen Hamburg, dem lutherischen Mecklenburg und dem evangelisch-unierten Pommern.

So gab es bereits im 15. Jahrhundert und damit vor der Reformation in den Niederlanden und in Hamburg frühe Anzeichen für kapitalistische Auswüchse. Und zwar in der Form eines Handelskapitalismus. Dagegen dümpeln Mecklenburg und Pommern noch immer vor sich hin. Es sind nur geringe Anzeichen von kapitalistischen Produktionsweisen in Mecklenburg und Pommern erkennbar, weil es einfach nicht industrialisiert ist. Dennoch ist Mecklenburg-Vorpommern dem Kapitalismus unterworfen, auch wenn es kaum Güter produziert.

Insofern stellt sich die Frage, wer was bedingte. Bedingten die evangelischen Konfessionen wie die Quäker, Methodisten und andere den Kapitalismus, wie es Weber behauptet? Oder bedingten kapitalistische Anfänge die Reformation?

Dass sich die Reformation besonders im Norden Europas und damit weit weg von Rom durchsetzte, ist nur allzu einleuchtend. Schließlich sind die britischen Inseln aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage nur schwer militärisch bezwingbar. Und so entzogen sich England, Schottland und Wales dem Dreißigjährigen Krieg. Doch auch die skandinavischen Länder sind aus römischer Sicht schwer zu bezwingen. Schließlich sind auch sie weit entfernt und haben viel Wasser zwischen sich und Mitteleuropa. Außerdem war Schweden eh spät christianisiert, weshalb keine sonderliche Bindung an Rom ausgeprägt war.

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges kristallisierte sich dann die Vormachtstellung Schwedens im Ostseeraum heraus. Doch obwohl es Zwistigkeiten zwischen der schwedisch-protestantischen und der polnisch-katholischen Wasa-Sippe gab, war Schweden nicht auf Territorialgewinne erpicht, sondern auf die Beherrschung von küstennahen Handelszentren wie Bremen, das mecklenburgische Wismar, das lettische Riga, das estnische Tallinn und anderen Hansestädten. Insofern scheint der Protestantismus, als Mittel zur Durchsetzung des Handelskapitalismus zu dienen. Zumindest in diesem Fall. Auch in den Niederlanden und der Schweiz hatte der Protestantismus offenbar nur einen Zweck, indem er zur Befreiung vom habsburgisch geprägten Deutschen Reich diente. Also sollte man sich anschauen, wer den Protestantismus begründete und in welchen Regionen er sich durchsetzte.

Jan Hus müsste man eigentlich als ersten Protestanten schlechthin bezeichnen. Schließlich wurde er um 1369 geboren und starb 1415. Damit lebte weit vor Martin Luther (1483 bis 1546). Hus entstammte vermutlich der unteren Mittelschicht. Sein Vater soll nämlich Fuhrmann gewesen sein. Und so besuchte Hus die Lateinschule im damaligen Prachatitz. Später studierte er an der Prager Karls-Universität und war zeitweise dessen Rektor. Jedoch machte er sich als Theologe und Reformator einen Namen. Außerdem prägte er die tschechische Linguistik. Somit war Hus vielmehr ein böhmischer Separatist, als ein Theologe.

Martin Luthers Herkunft ist der Hus‘ ähnlich. Luther entstammte einer bürgerlichen Familie, weil sein Vater Mineneigner war. Auch Luther besuchte verschiedene Schule und studierte später die Sieben freien Künste (Septem artes liberales), Jura und anschließend Theologie in Erfurt.

Ein anfänglich großer Bewunderer Luthers war Thomas Münzer. Scheinbar entstammte auch er einer bürgerlichen Familie, wobei Friedrich Engels in seinem Werk „Die Deutschen Bauernkriege“ schrieb, dass sein Vater „ein Opfer der Willkür der Stolbergschen Grafen“ gewesen sein soll. Trotzdem besuchte auch Münzer später die Schule und studierte in Frankfurt an der Oder Theologie. Schulbildung und Hochschulstudium waren zur damaligen Zeit lediglich den höheren Klassen vorbehalten, und Begabtenförderungen gab es damals nicht.

Und auch Johannes Calvin entstammte dem Bürgertum. Sein Vater war kirchlicher Notar und Richter des Domkapitels Noyon. Und aufgrund der Herkunft seines Vaters nahm Calvin an dem häuslichen Unterricht der Adelskinder teil. Wie Luther studierte Calvin die sieben freien Künste, Jura und später Theologie an verschiedenen französischen Universitäten.

Huldrych Zwingli stellt ebenfalls keine Ausnahme dar. Sein Vater war oberster Dienstmann seines Lehnsherrn. Er wurde an der Lateinschule in Basel und Bern unterrichtet. Später studierte er Theologie in Wien und Basel.

Das sind die in Europa bedeutenden Reformatoren. Doch auch die in den USA bedeutenden Reformatoren britischer Abstammung wie John Wesley und George Fox stellen im Vergleich zu Hus, Luther, Münzer, Calvin und Zwingli keine Ausnahme dar. Wesley, der Begründer des Methodismus, entstammt einer Pfarrerdynastie und Fox, der Gründer der Quäker, einem bürgerlichen Elternhaus. Fox‘ Vater war Wollhändler.

Insofern weisen Hus, Luther, Münzer, Calvin, Zwingli, Wesley und Fox die Anfänge eines bürgerlichen Bewusstseins auf, weil es ihrem gesellschaftlichen Stand entsprach. Schließlich bestimmt das Sein das Bewusstsein.

Doch das sind nur Reformatoren. Wichtig ist auch, wo sich im Heiligen Römischen Reich die Reformation vor dem Dreißigjährigen Krieg vollzog. So etwa in Sachsen, wo sich die Reformation von Wittenberg aus verbreitete, bis 1527 die evangelisch-lutherische Kirche in Sachsen gegründet wurde. Sachsen und sein Kurfürst Friedrich der Weise wurden reich durch die Silberminen im Erzgebirge. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich der Kurfürst schützend vor Luther stellte, schließlich drückte Friedrich damit seine Abnabelung vom Kaiser aus.

Die Hansestadt Lübeck war ebenfalls reich. Und von 1522 bis 1530 setzte sich auch hier die Reformation durch. Genauso Hamburg, das ebenfalls reich war und seit 1529 reformiert ist. Aber auch die Hansestadt Dortmund. Quellen aus dem Jahr 1296 sollen bereits den ersten Bergmann unter den Dortmunder Bürgern belegen. Im Jahr 1572 setzte sich dann die Reformation in Dortmund endgültig durch. Diese drei Hansestädte Lübeck, Hamburg und Dortmund erfuhren großen Reichtum durch den Handel. Insofern bedingte das beginnende Bürgertum die Reformation.

Und somit ist der Protestantismus nicht nur ein theologisches Bekenntnis oder eine Geisteshaltung, sondern genauso eine Befreiungsbewegung der frühen Neuzeit und des entstehenden Bürgertums. Bereits während der Reformation zeigten sich Anfänge eines entstehenden bürgerlichen Selbstbewusstseins, indem sich Bürgerkinder wie Hus, Luther, Münzer, Calvin, Zwingli, Wesley und Fox der Theologie zuwandten und diese mit ihren durchaus revolutionieren Ideen vereinten. Damit ist Webers Aussage, wonach manche protestantische Gruppierungen den Kapitalismus bestärkten und befeuerten, nicht gänzlich richtig. Genauso bedingte der frühe Kapitalismus die Reformation. So erhofften sich die Reformer durchaus eine gewisse Befreiung der Menschen. Diese Befreiung hatte verschiedene Schattierungen. Während Münzer sich eine vollkommene irdische Befreiung der Bauern erhoffte, definierte Luther die Freiheit im Glauben. Dagegen erklärte Calvin „ora et labora“ (bete und arbeite) zu seinem Leitmotiv, obwohl dieser Ausspruch von den katholischen Benediktinermönchen stammt. Damit definierte Calvin sein Verständnis von Freiheit, wonach der Mensch auf Erden Gott dient und Werke zu Gottes Ehre verrichtet. Dadurch erlangt der Mensch Freiheit, die sich im Jenseits abspielt. Calvins These kann man mit den Worten „Arbeit macht frei“ zusammenfassen. Jedoch ist dieser Ausspruch durch das Konzentrationslager Ausschwitz und den dort erfolgten Verbrechen schwer belastet.

Außerdem macht Arbeit nicht unbedingt frei. Dieser Ausspruch ist genauso falsch wie Angela Merkels Ausspruch: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ Auch dieses Bonmot in seiner unverwechselbar merkelschen Ausdrucksweise war bereits seit den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ von Karl Marx widerlegt. Laut Marx beinhaltet Lohnarbeit Selbstentfremdung und kann somit nicht zur Freiheit oder etwas Sozialem führen.

Trotzdem scheiterten manche Befreiungsversuche der Reformatoren, während andere erfolgreich waren. Das lag einerseits an der Uneinigkeit am Freiheitsverständnis der Reformatoren. So hatten die reformatorischen Theologen oftmals keine einheitlich wissenschaftliche Definition von Freiheit, weil sie trotz gleicher sozialer Herkunft unterschiedlich geprägt wurden und verschiedene Absichten verfolgten. Außerdem kamen manche Freiheitsbewegungen zu früh, während andere rechtzeitig waren. So war Münzer zu früh und Luther dagegen rechtzeitig. Dennoch erbrachten die Reformatoren ihren historischen Verdienst, indem sie die Menschen sowie die restliche Weltlichkeit von der Kirche emanzipierten. Das schuf weitere Freiheiten, damit der Kapitalismus weiter verbreiten konnte. Allerdings ist es nicht verwunderlich, dass sich der Protestantismus in den oberen Klassen herausbildete. Ein Anzeichen also für das Aufkeimen eines bürgerlichen Bewusstseins. Denn damals gab es keine Laienbewegung und Gottesdienste wurden nicht in den jeweiligen Landessprachen abgehalten, sondern in Latein.